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Dienstag, 10. Jul 2018

Grünes Fliegen, geht das? Auswirkungen auf Klima unterschätzt?

 

Eigenverantwortung oder „hinter uns die Sintflut“? Hier gelangen Sie zum vollständigen Beitrag von Kristin Gruber und Magdalena Heuwieser.

Grünes Fliegen, geht das?

Zusammenfassung des einschlägigen Beitrags von Ö1-ORF Punkt eins vom 05. 01 2018: Kristin Gruber im Gespräch mit Magdalena Heuwieser von der NGO „Finance & Trade Watch“ und mit Siegrid Stagl, Professorin für Ökologische Ökonomie an der WU Wien


Derzeit sind 423 neue Flugplätze auf der Welt geplant oder bereits in Bau. 121 zusätzliche Start- und Landebahnen, 205 Erweiterungen von Pisten, 262 neue Terminals und 175 Erweiterungen von Terminals.

Wie in vielen anderen Branchen wird auch beim Flugverkehr auf die Eigenverantwortung des einzelnen Konsumenten verwiesen und ist auch hier nicht zielführend. Denn Fliegen ist oft billigste, schnellste, praktischste Form der Fortbewegung. Deswegen müssen sich die Strukturen ändern. Fliegen muss teurer werden, es muss leichter möglich sein auf Alternativen zurückzugreifen, auf Nachtzüge zum Beispiel, es muss leichter möglich sein, Züge international zu buchen, europaweit, das ist unglaublich kompliziert aktuell. Und es müssen auch die Informationen dazu da sein, dass Fliegen die klimaschädlichste Form der Fortbewegung ist.  

Dass das Fliegen überhaupt so billig werden konnte ist damit erklärbar, dass der Flugverkehr immer eine relativ bedeutende staatliche Rolle hatte, weil er am Anfang mit Militär im engen Zusammenhang stand und deswegen, von Anfang an keine Steuern eingehoben wurden. Bis heute werden auf Kerosin zum Beispiel keine Steuern eingehoben, trotz aller Klimakonferenzen, die wir hatten, und Emissionen für internationalen Flugverkehr werden keinem Land zugerechnet. ... Das ist eine Begünstigung von Flugreisen, die aus ökonomischer Sicht nicht wünschenswert ist, denn ökonomische Grundprinzipe funktionieren gut, wenn die Verursacher die Kosten tragen, dann kann der Wettbewerb funktionieren.

Auch die Flugindustrie lobbyiert natürlich ganz stark dafür, dass sich das nicht verändert, und auch von einigen Wirtschaftsakteuren wird der Status quo so gefördert. Das führt zu einer Schieflage des Wettbewerbs.

In Österreich sind es über 500 Millionen Euro, die der österreichische Staat, also wir Steuerzahler, dem Flugsektor jährlich schenken.

Das größte Problem ist definitiv, dass Fliegen das klimaschädlichste Transportmittel ist und das Klimawandel einfach nicht nur so ein kleines nebensächliches Problem ist, sondern die größte Herausforderung, die wir haben, die letztendlich unsere komplette Lebensweise, unsere Wirtschaft und das Überleben auch von uns Menschen auf diesem Planeten in Frage stellt. Und dagegen muss was gemacht werden.  

Es ist aber nicht nur Klima. Mit der dritten Piste in Wien sollen an die 700 Hektar Land verbaut werden. Das ist fast die ganze Innenstadt von Wien, wenn man das umrechnet. Und es sind tatsächlich sehr fruchtbare Ackerflächen, die da verbaut werden, auch Wald und auch biodiversitätsreiche Trockenrasenflächen. Und tatsächlich das erste Urteil, was so bekannt wurde, weltweit, wo die Richter dann gesagt haben, die dritte Piste kann nicht gebaut werden. Das war nicht nur aus Klimagründen, sondern auch weil zu viel Boden versiegelt werden würde und wir in Österreich eigentlich auch schon festgelegt haben, dass das nicht weiter passieren darf, weil uns die fruchtbaren Nutzflächen für Landwirtschaft und Biodiversität verloren gehen.

Aber es ist natürlich auch so, dass rund um Flughäfen die Lärmbelästigung steigt, die Bodenversiegelung, Gesundheitsschäden – für die Bevölkerung, die im Umfeld vom Flughäfen wohnt, ist die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 50 Prozent höher.  

Schlagworte, die man in diesem Zusammenhang immer wieder hört, sind Grünes Fliegen und Kompensationszahlungen. Doch bei diesen „grün“ genannten Maßnahmen handelt es sich  nicht um nachhaltige Projekte, sondern um sogenanntes Greenwashing, das mehr dem Erscheinungsbild dient als der Sache an sich.

Bei der von der ICAO (International Civil Aviation Organisation) 2016 verabschiedeten Klimastrategie handelt es sich um „Ablasshandel“. Es geht darum, dass die Luftfahrt selber weiter wachsen darf, ohne Einschränkungen eigentlich, aber trotzdem proklamiert wird, ab 2020 CO2-neutral zu wachsen. Ja, wie soll das funktionieren? Nämlich, dass ein Teil der Emissionen woanders kompensiert werden soll. Das ist dann dieser Emissionshandel oder Offsetting, wie es auch heißt.

Studien belegen, dass der Großteil dieser Kompensationsprojekte, die Einsparung viel zu hoch berechnet. Eine Studie vom Ökoinstitut für die Europäische Kommission erweist, dass nur zwei Prozent dieser so genannten CDM-Offset-Projekte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Emissionsverminderungen führen. So kann z. B. das Bestehenlassen eines Waldstückes, dessen Abholzung gar nicht geplant war, als Emissionszertifikat gehandelt werden und somit darf unbeirrt weiter geflogen werden.

Es ist auch so, dass diese Projekte fast ausschließlich im Globalen Süden beheimatet sind und ganz oft dann auch zu globalen Konflikten führen, weil die Menschen dadurch den Wald nicht mehr so nutzen dürfen, wie sie es früher möglich war. Dies sind oft Gemeinden, die ohnehin einen sehr niedrigen ökologischen Fußabdruck haben, Leute, die nicht fliegen, und die dürfen dafür einbüßen, dass wir weiterhin fliegen dürfen, weil scheinbar ein grünes Projekt umgesetzt wird.

Überhaupt ist das „Begrünen“ von konventionellen Herangehensweisen auch in der gelebten Politik ein Übliches, zum Beispiel redet man von einem „grünen Wachstum“, manchmal redet man auch von einem „nachhaltigen Wachstum“ und „qualitativen Wachstum“. Damit ist gemeint, dass grüne Technologien, Geschäftsideen, umweltorientierte Lebensstile, die Emissionen reduzieren sollen. Weiterhin wird aber mehr produziert, damit mehr Gewinne gemacht werden, nur damit das Bruttoinlandsprodukt steigen kann. Das führt aber meistens dazu, dass der Ressourcenverbrauch weiterhin steigt und die Emissionen weiter steigen – zwar nicht pro Einheit, aber aufgrund des Mengeneffekts.

Im Flugverkehr haben hier auf diese Weise zwei widersprüchliche Fakten: Einerseits ist geplant, in den nächsten 20 Jahren die Flugzeugflotte zu verdoppeln und andererseits haben wir den Beschluss, dass ab 2020 das Wachstum des Flugverkehrs CO2-neutral vonstatten gehen soll.  

Was wir bräuchten, um aus diesem Dilemma herauszukommen, wären absolute Grenzen. Wir fokussieren auf die Effizienz, produzieren aber immer mehr Menge an Schadstoffen. Aktuell wird viel im Bereich alternativer Techniken, alternative Antriebe geforscht, und es ist auch gut, dass geforscht wird, nur leider verlassen sich viel zu viele darauf, dass irgendwann in der Zukunft eine andere Technologie das ganze Problem lösen wird. Es gibt auch schon seit Jahrzehnten diese Wünsche, dass Flugzeuge anders fliegen, doch bisher ist noch nichts passiert. Und effizienter, aber deshalb viel mehr zu fliegen ist auch kontraproduktiv.

In vielen Fragen scheinen die Interessen der Umwelt den Interessen der Wirtschaft unvereinbar gegenüberzustehen. Um diese Dynamiken zu durchbrechen müssen wir zu einer Art der Wirtschaft hinkommen, die regenerativ ist, also nicht die Natur und/oder die Menschen ausbeutet. Dazu bräuchten wir einen Übergang, eine sozialökonomische Transformation, wie es in der Literatur üblicherweise bezeichnet wird.


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  Arbeitsgemeinschaft Schöpfungsverantwortung | Peterskirche - Petersplatz 1, 1010 Wien
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