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Sonntag, 05. Jul 2015

Stellungnahme zur Umwelt-Enzyklika des Papstes Franziskus von Professor Bernd Lötsch

 

Stellungnahme zur Umwelt-Enzyklika des Papstes Franziskus

"Sorge für das gemeinsame Haus"

Bernd Lötsch

Vorbemerkung: Für einen seit 40 Jahren tätigen Ökologen – als Leiter eines Umweltinstituts, Hochschullehrer, Aktivist, Nationalparkplaner, Stadtökologe, Museumsdirektor, NGO- und Regierungsberater – war es reizvoll, die mit Spannung erwartete Umwelt-Enzyklika beurteilen zu dürfen, um dabei dem "unfehlbaren" Pontifikat bei aller Hochachtung vielleicht auch Fehleinschätzungen oder fachliche Schwächen nachzuweisen.

Das päpstliche Dokument hat nun den Umfang wie ein Sachbuch von über 200 Seiten – wissenschaftlich unangreifbar, weil hochkompetent und offensichtlich hervorragend beraten, bereichert um ethische Imperative, die man als engagierter Umweltexperte nur unterschreiben kann, und mit einer spirituellen Überhöhung, welche die enorme humanitäre Aufgabe einer dringenden ökologischen Wende direkt aus den zeitlosen christlichen Grundwerten herzuleiten vermag.


Lediglich der Titel der Enzyklika – "Sorge für das gemeinsame Haus" – ließe eher eine kirchenpolitische Schrift vermuten – schon gar nicht eine für die globale Biosphäre als Quell und Erhalter allen Lebens; denn "Haus" ist etwas technisch Machbares, nicht jene vernetzte, verletzte grünfeuchte Naturkruste um den Mutterplaneten, die einzige Überlebenschance im unendlichen kalten, tödlichen Vakuum des Weltalls, unsere All-Heimat sozusagen, deren dramatische Bedrohung die Enzyklika so kompetent belegt. Vielleicht war das griechische Wort für Haus "oikos" maßgeblich für die Titelwahl, denn oikos hieß auch Haushalt, steckt in "Ökologie", und haushalten heißt "wirtschaften mit begrenzten Mitteln" – ein Grundmotiv der franziskanischen Forderung nach der neuen Bescheidenheit, nicht nur für den Planeten, sondern auch für die Sinnerfüllung menschlichen Lebens.

Päpstliche Vordenker

Überrascht erfährt man, wie früh einzelne Päpste die ökologische Problematik ansprachen, so Paul VI schon 1971 als dramatische Folge rücksichtsloser Naturausbeutung, wobei der Mensch Gefahr laufe, selbst zum Opfer zu werden. Auch vor der FAO sprach er 1970 (!) von der "ökologischen Katastrophe", denn selbst "außerordentliche wissenschaftliche Fortschritte, die erstaunlichsten technischen Meisterleistungen, das wunderbarste Wirtschaftswachstum wenden sich, wenn nicht von echtem sozialen und moralischen Fortschritt begleitet, letztlich gegen den Menschen". Der Hl. Johannes Paul II kritisierte schon 1979 das ausschließliche Nutzdenken gegenüber der Natur, forderte im Mai 1991 "die Wahrung der moralischen Bedingungen einer glaubwürdigen "HUMANÖKOLOGIE", und Papst Franziskus ist sich mit dem befreundeten Patriarchen Bartholomäus einig, dass die Zerstörung der biologischen Vielfalt der Schöpfung und der Unversehrtheit der Erde – etwa durch Klimawandel, Belastung von Erde, Wasser, Luft – als Verbrechen gegen die Natur allesamt "Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott" sei.


Die Lösungen lägen eben nicht nur in der Technik, sondern im Menschen, seinem Verhalten, sonst würden nur Symptome bekämpft. Unisono verlangen Bartholomäus und Franziskus den Übergang vom Konsum zum Opfer, von der Habgier zur Freigebigkeit, von der Verschwendung zur Fähigkeit des Teilens, in einer Askese, die bedeutet, zu geben statt aufzugeben. "Es ist eine Weise des Liebens … eine Befreiung von Habgier und Zwang, … die Welt als ein Sakrament … mit Gott und unserem Nächsten auf globaler Ebene zu teilen."

Welch ein Generationensprung für die Kirche – hoffentlich ist "Gottes Bodenpersonal" bereit für die Wende!


Hoffentlich führt dies – nach Jahrhunderten des "Schöpfungstiefschlafes großer Teile der Amtskirche" (so die katholische Theologin Beate Seitz-Weinzierl um 1990) – endlich zur vollen Anerkennung der freudigen Basisarbeit der österreichischen "ARGE Schöpfungsverantwortung", die zwar den "Konrad-Lorenz-Staatspreis für Umwelt" unserer Republik erhielt, von kirchlichen Autoritäten aber eher ignoriert wurde.

Nun ist diese Schöpfungs-Enzyklika die aktuellste Schatztruhe für Prediger und pastorale Vortragszyklen. Als Zentralthemen seiner Enzyklika werden von Papst Franziskus bezeichnet: "die enge Beziehung zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten" (weil die wachsende Störung der Biosphäre von wachsender Armut begleitet ist und sich gerade die Armen den Umweltbeeinträchtigungen am wenigsten entziehen können, B. L.), weiters "die Überzeugung, dass in der Welt alles miteinander verbunden ist; die Kritik am neuen Machtmodell und den Formen der Macht, die aus der Technik abgeleitet sind; die Einladung, nach einem anderen Verständnis von Wirtschaft und Fortschritt zu suchen;  der Eigenwert eines jeden Geschöpfes, der menschliche Sinn der Ökologie; die Notwendigkeit aufrichtiger und ehrlicher Debatten; die schwere Verantwortung der internationalen und lokalen Politik; die Wegwerfkultur und der Vorschlag eines neuen Lebensstils." Die schmerzliche Besorgnis des Argentiniers auf dem Stuhl Petri richtet sich auch auf die Beschleunigung in den Veränderungen der Menschheit und des Planeten, weil diese atemberaubende "rapidacion" in gefährlichem Gegensatz zur natürlichen Langsamkeit der biologischen "evolucion" stehe. Dabei bekennt der geistliche Hüter zeitloser Werte ausdrücklich: "Veränderung ist etwas Wünschenswertes" (wohl im Sinne Erich Frieds: Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.) – doch würden die sich überstürzenden Veränderungen "beunruhigend, wenn sie sich zur Verschlechterung der Welt und der Lebensqualität eines großen Teils der Menschheit" wandeln, während eine vom Finanzwesen gesteuerte Technologie behaupte, die einzige Lösung der Probleme zu sein, dabei aber mehr andere Probleme schaffe als sie löst.

Diese Enzyklika lebt vom Wechsel zwischen schlüssigen wissenschaftlichen Begründungen zur Lage des Planeten und des dadurch wachsenden Unrechts gegen die sozial Schwachen dieser Erde und Kapiteln höchster Sprachkultur mit fast poetischer Kraft. In einer verdichteten Fassung könnte sie zu einem der wichtigsten Dokumente der heutigen Christenheit werden – wohl würdig, neben die Bergpredigt, den Korintherbrief 1/13 und den Sonnengesang des Francesco gestellt zu werden.


Nicht ohne Grund wurde Francesco d'Assisi, jener Heilige, dessen Namen sich der neue Papst erwählte, zu einer Leitgestalt der Umweltbewegten, sogar zum Patron der forschenden Ökologen, sofern sie darauf  Wert legen. Denn dieser berühmteste Aussteiger des mediterranen Mittelalters war keineswegs bloß der "sakrale Tieronkel", als der er uns heute gern vermittelt wird, sondern ein Wegbereiter des damals schon wieder neuen "Armutsideals" fröhlich-frommer Habenichtse, welche die Erde nicht als Jammertal, sondern den kostenlosen Naturgenuss als göttliche Gnade empfanden. Aus der Enzyklika des päpstlichen Franziskaners wird man nun an ein fast rührendes Detail erinnert: Der Heilige einer "gelebten ganzheitlichen Ökologie", berichtet der Papst, "trat mit der ganzen Schöpfung in Verbindung" im Empfinden "der Brüderlichkeit und Schönheit" (,welches dem Nutzdenken unserer Zeit fremd geworden ist).


"Deshalb forderte Franziskus, im Konvent immer einen Teil des Gartens unbebaut zu lassen, damit dort die wilden Kräuter wachsen und die, welche sie bewunderten, ihren Blick zu Gott, dem Schöpfer solcher Schönheit erheben können." Was ist denn die Nationalparkidee und Schaffung biogenetischer Reservate anderes als die unabhängige Wiederentdeckung der halbvergessenen franziskanischen Weisheit: "Nutzungsverzicht eines Kulturstaates zugunsten der Natur", Sakralisierung von Schöpfungsrelikten. Amerikas Pioniere der Wildnisethik nannten sie "Sanctuaries" – Nationalparks als Heilige Haine des 21. Jahrhunderts.


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