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Samstag, 30. Okt 2010

Klimaexpertin Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb zur aktuellen Situation

 

Was hindert die Religionsgemeinschaften daran heute entschlossen aufzutreten?

 

Warum Klimawandel mehr als ein weiteres globales Problem ist

Helga Kromp-Kolb, Institut für Meteorologie, Universität für Bodenkultur Wien

Grundlagen

Zu den Grundbedürfnissen des Menschen – wie auch der anderen irdischen Lebewesen – zählen Energie und Materie, wobei Energie sowohl direkt als solare Energie (Licht und Wärme) als auch über Nahrung (Biomasse) aufgenommen wird. Der Bedarf an Materie ist sehr vielfältig, aber ganz grundlegend sind Wasser und Kohlenstoff in Form von pflanzlicher und tierischer Biomasse. Als Gruppenwesen braucht er darüber hinaus auch Immaterielles, wie Zuneigung oder Beziehungen zu anderen Menschen.

Neben diesem Bedarf zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse hat der Mensch Zusatzbedarf zur Bedienung seines jeweiligen Lebensstils entwickelt. Während sich an den Grundbedürfnissen pro Person über die Jahrtausende wenig verändert hat, hat sich der lebensstilbedingte Zusatzverbrauch gerade in den letzten 200 Jahren gewaltig verändert. Um diesen zu befriedigen, hat der Mensch in ständig steigender Zahl in beunruhigendem Ausmaß in das natürliche Ökosystem eingegriffen. Besonders deutlich zeigt sich dies am anthropogenen Klimawandel. Die vom Menschen verursachte globale Erwärmung, mit den daraus folgenden Veränderungen des gesamten Klimas, insbesondere der Niederschlagsverhältnisse, bedroht selbst die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Das macht den Klimawandel nicht nur zu einem gesellschaftspolitischen, sondern auch zu einem in hohem Maße ethischen Problem!

Dabei beginnt sich das volle Ausmaß der Wechselwirkungen zwischen Mensch und komplexem Ökosystem und deren Folgen erst langsam zu entfalten – ein Zusammenwirken von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Beobachtungen im natur-, gesellschafts- und wirtschaftswissenschaftlichen Bereich und immer deutlicher werdenden Veränderungen.

 

Der Klimawandel

Das Klima des Planeten Erde ist ganz wesentlich durch den Abstand der Erde von der Sonne und damit von der Intensität der ihn erreichenden solaren Strahlung geprägt. Die Lufthülle der Erde verursacht aufgrund ihrer Zusammensetzung eine starke Moderation des Klimas: statt einer Durchschnittstemperatur von -18°C stellte sich auf der Erde eine Gleichgewichtstemperatur von etwa +15°C ein. Für diesen natürlichen Treibhauseffekt sind vor allem zwei Gase verantwortlich: der Wasserdampf und das Kohlendioxid. Durch Änderungen in der Landnutzung, d.h. die Rodung von Wäldern und das Beackern des Landes, vor allem aber durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe - Kohle, Öl und Gas – hat sich die Kohlendioxidkonzentration in den letzten ca. hundert Jahren dramatisch erhöht: während sie sich während der letzten etwa 600.000 Jahre zwischen 180 und 280 ppm bewegt hat, liegt sie nun bei über 380 ppm, d.h. sie hat um mehr als 30% zugenommen.

Das ist nicht ohne Folgen für die Temperatur geblieben: in den letzten 150 Jahren ist diese im globalen Durchschnitt um ca. 0,8°C gestiegen, in manchen Regionen, z.B. in Alaska oder in den Gebirgen wesentlich stärker. Im Alpinen Raum beträgt der Anstieg seit dem Ende der sogenannten kleinen Eiszeit schon etwa 2°C, wobei ein Teil des Temperaturanstiegs einer natürlichen Erholung von der Kälteperiode zuzuschreiben ist. Der Anstieg der letzten Jahrzehnte ist jedoch auf den verstärkten Treibhauseffekt, d.h. die erhöhte Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre, insbesondere Kohlendioxid, zurückzuführen.

Veränderte Temperaturverhältnisse ziehen eine Fülle anderer Änderungen nach sich: im alpinen Raum wird z.B. ein Rückzug von Gletschern, ein Rückgang der Andauer der Schneedecke, und eine Zunahme der Niederschlagsmengen in den Wintermonaten sowie ein Ansteigen der Häufigkeit heftiger Niederschläge im Sommer beobachtet. Im globalen Maßstab bedeutet das Schmelzen von landgebundenden Gletschern einen zusätzlichen Beitrag zum wärmebedingten Anstieg des Meeresspiegels und den Verlust von oft fruchtbarer Fläche. Das frühere Schmelzen der Schneedecke bedeutet größere Trockenheit der Böden in den Sommermonaten, die heftigeren Niederschläge können zur erhöhter Erosion führen – beides hat Auswirkungen auf den Ertrag in der Landwirtschaft. Erhöhte Winterniederschläge bei höheren Temperaturen können aufgrund der höher gelegenen Schneegrenze mit vermehrtem Hochwasserrisiko einhergehen. Sowohl Trockenheit wie Hochwasser stellen für thermische Kraftwerke und andere Industrieanlagen, die auf Wasser zum Kühlen angewiesen sind, vor Probleme. Im Hitzesommer 2003 mussten in Europa einige große Kraftwerke wegen zu geringer Wasserführung der Vorfluter den Betrieb einstellen – zu einer Zeit in der Strom zu Kühlungszwecken dringend gebraucht wurde. Schon diese wenigen Beispiele zeigen dass der Klimawandel in viele Lebensbereiche eingreift und nicht eine für das menschliche Leben unbedeutende Veränderung des natürlichen Umfeldes ist.

Nehmen die Treibhausgasemissionen weiterhin in vergleichbarem Ausmaß zu, so ist auch künftig mit raschem Temperaturanstieg zu rechnen: Ende dieses Jahrhunderts könnte die globale Mitteltemperatur um bis zu 5°C höher  liegen als in der Periode 1961-1990.

Schon viel früher setzen aber selbstverstärkende Prozesse, sogenannte Rückkoppelungsprozesse ein, die – wenn sie eine gewisse Dynamik entwickelt haben –  nicht mehr zu bremsen sind. So bewirkt z.B. die Erwärmung der Ozeane vermehrte Verdunstung und daher höhere Wasserdampfkonzentrationen in der Atmosphäre. Wasserdampf ist aber ein Treibhausgas, und wirkt, ebenso wie Kohlendioxid, erwärmend – wodurch sich der Kreis schließt. Zustände, bei deren Überschreitung derartige Prozesse nicht mehr zu stoppen sind, werden als Kipp-Ppunkte des Klimas bezeichnet. Auch Situationen, in denen die gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels nicht mehr beherrschbar sind – etwa wenn durch Erlahmen des Golfstromes die Temperaturen in Europa innerhalb etwa eines Jahrzehnts um ca. 5°C sinken – werden als Kipp-Punkte bezeichnet. Um das Überschreiten von Kipp-Punkten zu vermeiden, muss die Temperaturerhöhung bis Ende dieses Jahrhunderts unter 2 °C bleiben, das erklärte Ziel der globalen Klimaschutzpolitik.

Um dies zu erreichen müssen die Treibhausgasemissionen dramatisch gesenkt werden, und zwar rasch. Bis zum Jahr 2020 sollten die Industriestaaten ihre Emissionen um 15 – 30% senken. Reuzieren die Industriestaaten bis 2050 ihre Emissionen um 90%, dann müssen die Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Emissionen immer noch um 50% senken, um das 2°C Ziel zu erreichen. Damit die Reduktionsraten wirtschaftlich verkraftbar bleiben,  müssten die globalen Emissionen sich rasch stabilisieren und noch in diesem Jahrzehnt ihr Maximum überschreiten.

 

Wie man sich der Herausforderung nicht stellt

Einer derartigen Herausforderung kann die Menschheit nur dann erfolgreich begegnen, wenn der Staat lenkend eingreift. Ein kleine Gruppe von großteils namentlich bekannter Personen in den USA versucht aus politischer Überzeugung solche Lenkungsmaßnahmen zu verhindern. Es ist dieselbe Personengruppe, die im Falle des stratosphärischen Ozonabbaus, der sauren Regens und des Rauchens vehement gegen staatliche Eingriffe aufgetreten sind. Argumentiert wurde jedoch immer mit Zweifeln an den wissenschaftlichen Ergebnissen, die Ursache und Wirkung miteinander verknüpften. Im Fall des Klimas wurde zunächst geleugnet, dass es  eine Klimaänderung gäbe – daher wurden diese Personen als Klimaskeptiker bezeichnet. Als dieses Argument angesichts der erdrückenden Belege nicht mehr aufrecht zu erhalten war, wurde vorgebracht, dass die Ursachen unklar sein, oder, vereinzelt, dass die Wirkungen der Erwärmung sogar günstig seien. Im Kielwasser dieser politisch motivierten Gruppe findet sich eine Vielzahl von anderen Skeptikern, mit unterschiedlichen Motiven. Wesentliche finanzielle Stützen dieser Gruppierungen waren und sind vor allem Konzerne, die von emissionsmindernden Maßnahmen wirtschaftlichen Schaden für sich selbst erwarten: Firmen aus der Öl und Kohle Branche oder aus der Automobilindustrie. Erfreulicher Weise hat die Zahl der Unterstützer jedoch in den letzten Jahren abgenommen. Die Skeptiker stützen sich auf großteils bereits widerlegte Argumente, und tun letztlich nichts anderes, als Zweifel aufrecht zu erhalten, und damit Handlungen zu unterbinden oder politisch zu erschweren. Die „Klimaskeptiker“ liefern keine geschlossene Theorie, die in vergleichbarer Weise die derzeit beobachteten Aspekte des Klimawandels erklären könnte. Von ihnen wird das auch gar nicht verlangt. Warum wohl?

Besonders aktiv waren die Skeptiker rund um die Klimakonferenz in Kopenhagen Ende 2009. Der gestohlene, oft böswillig interpretierte e-mail Verkehr führender Klimawissenschafter, der offenkundige Fehler auf Seite 493 in Band II des etwa 2500 Seiten starken IPCC-Berichts hinsichtlich der Geschwindigkeit des Schmelzens der Himalaya Gletscher, der schon aus dem folgenden Absatz als Fehler zu erkennen ist, und ungeschickte Formulierungen eines Klimaforschers in einem Interview – all das wurde und wird in der Öffentlichkeit mit Zähigkeit breit getreten, denn es erlaubt vom eigentlichen Problem abzulenken. Ja, Wissenschafter sind auch Menschen, es passieren ihnen Schlampereien, sie gehen manchmal den bequemeren Weg und machen sich z.B. nicht die Mühe Daten zur Verfügung zu stellen und sie drücken sich nicht immer klar aus. Und ja, selbstverständlich müssen solche Schwächen nach Möglichkeit ausgemerzt werden. Aber das Verständnis der Prozesse, die zum Klimawandel führen, die Szenarien zukünftiger Entwicklungen und der sich daraus ergebende dringende Handlungsbedarf sind durch alle in den letzten Monaten geführten Diskussionen in keiner Weise betroffen oder gar in Frage gestellt.

Jim Hansen, Spitzenklimaforscher der USA bei der NASA, schrieb letztes Jahr führenden Politikern der ganzen Welt, dass die Tatsache, dass sie Zugang zu den einschlägigen wissenschaftlichen Institutionen ihres Landes haben, die Verantwortung mit sich bringe, sich auf seriöse Weise über den Klimawandel zu informieren. Ähnliches gilt auch für Medien. Die Erhöhung der Auflage einer Zeitung durch Hochstilisieren eines populären, aber längst überholten Disputes ist durch die möglicherweise verursachte Verzögerung ernst zu nehmender Klimaschutzmaßnahmen sehr teuer erkauft. Wie werden die zögerlichen Politiker, wie die rein auflagenorientierten Journalisten und Chefredakteure ihr Verhalten gegenüber der jüngeren Generation, gegenüber ihren eigenen Kindern und Enkeln rechtfertigen, wenn die Folgen es Klimawandels unübersehbar und die Maßnahmen unerschwinglich oder unwirksam geworden sind? Unwissenheit werden sie nicht in Treffen führen können!

Wie Greg Craven in seinen Youtube Auftritten eindrucksvoll zeigt, ist es das Gebot der Stunde, Klimaschutzmaßnahmen zu setzen – selbst wenn man sich keine Entscheidung zutraut, ob die Wissenschaft „recht“ hat oder nicht. Der Schaden, der entstünde, wenn die Wissenschaft, z.B. vertreten durch das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) unrecht hätte und Klimaschutzmaßnahmen überflüssigerweise gesetzt würden, ist klein. Die Wirtschaft könnte kurzfristig leiden, aber die Maßnahmen würden jedenfalls auch Energieeinsparungen,  Luftqualitätsverbesserungen und zusätzliche Arbeitsplätze bringen. Hingegen ist der Schaden, wenn das IPCC recht hat und keine Maßnahmen gesetzt werden, für Wirtschaft und Gesellschaft unermesslich. Bei der Wahl zwischen einem kleinen und einem unermesslichen Schaden, liegt die Entscheidung schon aus reinen Risikoüberlegungen auf der Hand.

Das eigentliche Problem bei zögerlichen Entscheidungsträgern und bei der Öffentlichkeit dürften nicht die zweifellos noch vorhandenen wissenschaftlichen Unsicherheiten sein, sondern die Scheu vor den Konsequenzen, die gezogen werden müssen, sobald man den Klimawandel anerkennt. Konsequenzen in der Politik, in der Wirtschaft und im eigenen Leben. Das zeigt sich auch am Problem der Verknappung des Erdöls. Es wird nicht mehr diskutiert, ob das billige Öl zu Ende gehen wird, nur noch wann. War Peak Oil schon 2005, 2008 oder kommt es erst 2020 oder gar 2030?  Selbst 2030 ist so nahe, dass ein Ersatz durch Erneuerbare Energien bei gleichzeitiger Bedienung des projizierten zunehmenden globalen Verbrauches in geordneter Weise nicht mehr möglich ist. Das gilt im Übrigen auch für die Kernenergie – die im Übrigen auch aus anderen Gründen nicht als zukunftsfähig zu betrachten ist. Auch sie könnte nicht rasch genug ausgebaut werden, um bei unverändertem Wirtschaften das fehlende Öl zu ersetzen. Trotzdem agiert die Welt, die ihre Primärenergie zu 80% aus fossilen Energieträgern, und zu etwa einem Drittel aus Erdöl bezieht, so, als wären die Vorräte unerschöpflich. Leggewie und Welzer vergleichen in ihrem sehr lesenswerten Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ die „Oiloholischen“ Volkswirtschaften etwas drastisch mit Junkies, denen die Zukunft egal ist, solange sie an den nächsten Schuss kommen.

Auch die internationale Politik ist in Kopenhagen nicht an der Frage gescheitert, ob es den Klimawandel gibt. Sogar auf das Ziel von nicht mehr als 2°C Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis Ende des Jahrhunderts konnte man sich einigen. Das eigentliche Problem lag in den Konsequenzen, die sich daraus ergeben, und welches Land welchen Teil der Last trägt.

Neben solchen Versuchen, sich der Herausforderung des Klimawandels gar nicht erst nicht stellen zu müssen, gibt es noch eine zweite gefährliche Sackgasse: zu glauben, dass das Problem mit denselben Mitteln gelöst werden könnte, die es verursacht haben. Das bedeutet dann in der Regel ein Plädoyer für mehr und neueren Technologien, für mehr Wirtschaftswachstum um in Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen. Besonders verlockend sind die noch schnelleren und leichteren Auswege, die das sogenannten Geo-Engineering bietet. Ein derartiger Vorschlag ist, feine Sulfataerosole in die Stratosphäre einzubringen, die Sonnenstrahlung diffus reflektieren. Alle zwei Jahre müssten 1-2 Millionen Tonnen Schwefel eingebracht werden, der dann langsam wieder zur Erde diffundiert. Ein anderer Ansatz, der von der EU stark gefördert wird, ist die sogenannte Sequestrierung, oder „Carbon Capture and Storage“. Kohlendioxid soll Abgasen oder der Atmosphäre chemisch entzogen und in ausgeförderte Erdgas- oder Erdöllager, in Kohlegruben oder Aquifere, oder in den Ozean eingelagert werden. Bei den terrestrischen Lagern stellen sich neben Kapazitäts- und vielen technologischen Fragen auch Umweltfragen, bei der Einlagerung im Ozean wird die Versauerung verstärkt, mit Konsequenzen für die maritime Biosphäre die noch nicht abschätzbar sind.

 

Sich der Herausforderung stellen

Sowohl beim geo-engineering als auch bei den technologie- und wirtschaftswachstumsorientierten Ansätzen wird ein wesentlicher Faktor übersehen: Der Klimawandel ist nur das sichtbarste Symptom eines tiefer liegenden Problems.

Menschliche Eingriffe haben nicht nur im Klimabereich, sondern z.B. auch hinsichtlich des Stickstoffhaushaltes und – in noch viel größerem Ausmaß – hinsichtlich des Artenverlustes zu einem Überschreiten der vom natürlichen Ökosystem verkraftbaren Veränderungen geführt. Andere Bereiche, wie der Phosphorhaushalt, der Wasserhaushalt oder die Versauerung der Ozeane nähern sich dieser Grenze. All das sind Folgen einer Entwicklung, die sich insgesamt als Irrweg erweist. In ihrem Bericht an den Club of Rome haben Meadows und Ko-autoren schon 1972 aufgezeigt, dass ungebremstes exponentielles Wachstum in einem begrenzten System zu Überschießen und anschließend zum Kollaps führt. Bei einer Überprüfung der damaligen Aussagen wurde vor kurzem gezeigt, dass die Entwicklung seither im Wesentlichen dem Referenzszenarium von 1972 gefolgt ist, das zum Kollaps führt. Das auf Konkurrenz und Wachstum ausgerichtete Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, verbunden mit der immer noch reichlich verfügbaren billigen Energie, haben zu einem Ressourcenverbrauch geführt, der die Leistungsfähigkeit des globalen Ökosystems deutlich übersteigt. Die westliche Lebensart ist nicht globalisierbar. Ihre gründliche Revision ist also langfristig zur Sicherung des Überlebens der Menschheit, kurzfristig aus Gründen der Gerechtigkeit und als wichtige Voraussetzung für Frieden  zwingend notwendig.

Es geht also darum, zukunftsfähige Lösungen zu finden, die mit ihrem Beitrag zum Klimaschutz auch den Ressourcenverbrauch insgesamt senken, d.h. den Verbrauch von Energie, von Flächen und Raum, von sogenanntem „grünen“ Wasser, von seltenen Metallen und Erden, usw.. Obwohl technologische Innovation wichtig und unentbehrlich ist, zeigt sich zunehmend deutlich, dass es mit technologischen Lösungen nicht getan sein wird. Sie greifen eindeutig zu kurz, da sie bestenfalls die Probleme zeitlich und thematisch verschieben, aber das grundlegende Problem eines zu hohen Ressourcenverbrauches einer ständig wachsenden Zahl von Menschen nicht lösen können. Die notwendigen Änderungen sind tiefgreifender und erfordern ein Umdenken, weg von ressourcenvergeudendem Lebensstil hin zu mehr Lebensqualität ohne weitere Naturzerstörung. Auch die Frage nach der ökoverträglichen Zahl von Menschen des  muss gestellt werden.

Jetzt sind daher nicht mehr die Naturwissenschaften, nicht einmal mehr die Ökonomen, jetzt sind die Sozialwissenschaften gefragt: Wie kommt eine Gesellschaft vom Verstehen zum Handeln? Wie überwindet sie die jeder Änderung, insbesondere aber so tiefgreifenden Änderungen entgegenstehenden strukturellen und psychologischen Hindernisse? Wie kann – wie es kürzlich eine europäischer Politiker klar ausdrückte – die Politik die notwendigen Maßnahmen ergreifen ohne seine Wiederwahl zu gefährden? Grundsätzlich scheint es in einer Demokratie nur einen Weg zu geben: den Druck der Zivilgesellschaft. Nur sie kann es den gewählten Politikern ermöglichen, der Wirtschaft Spielregeln zu geben, die einen zukunftsfähigen Umgang mit der Natur zur Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg machen. Zu diesem Schluss kommen Soziologen, aber auch ehemalige Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik.

In diesem Punkt kann Kopenhagen als Erfolg gewertet werden: erstmals hat die Zivilgesellschaft aus allen Bereichen – Umwelt, Soziales, Wirtschaft, Finanz, Gerechtigkeit, Demokratie, etc. – zusammen an einem Strang gezogen. Sie hat erkannt, dass ihre divers erscheinenden Anliegen untrennbar verwoben sind, dass etwa Armutsbekämpfung und Klimaschutz Hand-in-Hand gehen, aber auch die Reform des Finanzsystems oder des Handelsrechtes. Das stimmt hoffnungsfroh. Es gilt sicherzustellen, dass der Zivilgesellschaft jener Freiraum gewahrt bleibt, der in Demokratien selbstverständlich sein sollte, der aber derzeit in vielen Ländern mit Hinweis auf die Bekämpfung von kriminellen Organisationen und Terror zunehmend gefährdet ist.

Ein wesentlicher Verbündeter in den Bemühungen um ein Umdenken könnten Religionsgemeinschaften sein. Die im neuen Lebensstil geforderten Qualitäten – Genügsamkeit (Suffizienz), Ehrfurcht vor allem Leben, Mitgefühl und Solidarität, Verantwortungsbewusstsein, usw. – gelten in praktisch allen Religionen als Tugenden. Es bedürfte daher lediglich des Besinnens auf die eigenen Werte. Auch haben Religionen immer schon längerfristiges Denken in den Vordergrund gerückt: „gutes“ Handeln wird – obwohl meist nicht umgehend belohnt – doch gefordert. Neben dem Überdenken von Werten ist das längerfristige Denken eines der Rezepte, mittels derer vom Aussterben bedrohte Zivilisationen überlebt haben. Viele Religionsgemeinschaften haben noch einen weiteren Vorteil gegenüber Politikern: ihre Funktionäre müssen sich nicht alle paar Jahre eine Wahl stellen. Dennoch haben sich die meisten Religionsgemeinschaften zu diesen für die Menschheit existentiellen Fragen noch kaum geäußert, verglichen mit anderen Themen, wie etwa Empfängnisverhütung, Abtreibung oder Sonntagsruhe. Ebenso wie Politiker und Journalisten werden sie ihr Verhalten spätestens dann rechtfertigen müssen, wenn die Folgen es Klimawandels für jeden unübersehbar geworden sind. Jenen, die vor den Greueltaten der Nazis die Augen verschlossen, kann die Angst vor den Folgen des Widerstandes zugute gehalten werden. Was hindert die Religionsgemeinschaften aber jetzt am entschlossenen Auftreten? Unwissenheit werden sie nicht ins Treffen führen können.

 

Empfohlene Literatur, auf die sich auch dieser Beitrag stützt

Gelbspan, Ross (1997): The Heat is on: the high stakes battle over Earth´s threatened climate. Addison-Wesley Publishing Compagny, Inc. ISBN 0-201-13295-8.

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Klingholz, Rainer: Sechs Milliarden und kein Ende. In: Yann Arthus-Bertrand, Die Erde von oben. GEO Frederking & Thaler im Verlag Gruhner und Jahr AG und Co, Hamburg 2003.

Kromp-Kolb, H. und H. Formayer (2005): Schwarzbuch Klimawandel. Ecowin Verlag Salzburg

Kromp-Kolb, H., Kromp W.: Technik und Energie versus Klima und Umwelt. Auswege aus der Sackgasse?. In: Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hrsg.), Dialog. Die Neue Weltordnung in der Krise - Von der uni- zur mulitpolaren Weltordnung. Friedensbericht 2008 55, 264; Lit-Verlag, Verlag für wissenschaftliche Literatur, Münster-Hamburg-Berlin-Wien-London 2008; ISBN 978-3-8258-1450-2

Leggewie, C. und H. Welzer (2009): Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. S. Fischer Verlag.

Lenton, T. M., Held, H., Kriegler, E., Hall, J. W., Lucht, W., Rahmstorf, S. and H. J.Schellnhuber (2008): Tipping elements in the Earth's climate system. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 105 / 6. p. 1786. www.pnas.org/content/105/6/1786.full.pdf+html

Meadows, D.  (2009)  Grenzen des Wachstums, das 30-Jahre-Update: Signal zum Kurswechsel: (engl.: Limits to Growth: The 30-year Update) mit einem Vorwort von Prinz Hassan Bin Talal von Jordanien, Hirzel Stuttgart, 3. Auflage 2009 ISBN 978-3-7776-1384-0

Meadows, Dennis, Donella Meadows, E. Zahn, P. Milling: Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart 1972.

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Rockstrom, J. et al. (2009): A safe operating space for humanity. Nature 261, Issues 7263, p. 472.

Rubin, J. (2009): Why Your World Is About to Get a Whole <st1:place w:st="on">Lot</st1:place> Smaller. Oil and the End of Globalisation. Random House Canada.ISBN 9780307357519

Stern, (2006): STERN REVIEW: The Economics of Climate Change. http://www.hm-treasury.gov.uk/Independent_Reviews/stern_review_economics_climate_change/
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Welzer, Harald: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. 3. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. ISBN 978-3-10-089433-2

 

 

 

Hier finden Sie den Artikel von Frau Prof. Kromp-Kolb ...


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