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Freitag, 25. Jun 2010

Artenschutz ist Lebensschutz - was lässt uns leben?

 

Beiträge aus dem Startsymposium

„Biodiversität – Sicherung der Welternährung“

 zum UN-Jahr der Biodiversität, Teil I:

 

 

ARGE Schöpfungsverantwortung - Schöpfungstag 2009 Symposium im NH Museum: „Biodiversität – Sicherung der Welternährung“
Beitrag von:

Christine v. Weizsäcker:

 „Biodiversität“. Ein sperriges Thema, schon wieder ein neuer Begriff, was ist denn das?

„Biologische Vielfalt“, auch nicht viel besser. Das ist ein Begriff für Biologen und Naturschutzexperten und jeder Journalist erzählt einem: Frau von Weizsäcker, das ist der Öffentlichkeit nicht rüberzubringen. Mit dem Klima wäre das eine andere Sache, das ist inzwischen bei Politik und Öffentlichkeit gelandet. Aber Biodiversität, vergessen Sie es, das ist zu komplex. Inzwischen habe ich gelernt, das Wort „zu komplex“ zu übersetzen, das heißt nämlich im Klartext: Darum will ich mich nicht auch noch kümmern. Also ich werde Sie einladen, sich einem zu komplexen Thema anzunehmen. Doch selbst, wenn wir uns nicht um Biodiversität kümmern, kümmert sich die Biodiversität rührend um uns. Und ich werde Sie als ersten Schritt einladen, einmal so einen Weg in den Tag hinein unter Biodiversitätsaspekten anzuschauen.

 

Das fängt morgens beim Aufwachen an: Schlafen Sie auf einer Matratze mit Rosshaar und Schafwollauflage? Pferde und Schafe gehören zur Biodiversität. Und die Pferde, die gutes Rosshaar machen, die sind auch vom Aussterben bedroht.

Federn, Baumwollbettbezüge, Baumwollschlafanzüge – Biodiversität, mit unglaublich vielen politischen und ökologischen Verknüpfungen weltweit. Naja, Sie sagen, nichts mit Rosshaarmatratze. Latex, Kautschuk ist Biodiversität. Dann könnte man sagen: „Ich habe eine Schaumstoffmatratze“. Die Grundstoffe für viele Kunststoffe, fast alle werden aus Erdöl und Kohle gewonnen. Verflüssigte oder verfestigte alte Biodiversität, die man eigentlich nicht verbrennen sollte, sondern für genau solche Zwecke aufbewahrt.

 

Dann das Frühstück: Kaffee, ein Strauch aus den lichten Hochwäldern Äthiopiens, dessen Zubereitung wir von den Äthiopiern gelernt haben. Das Frühstücksei, hier wird es schon problematisch. Die Hühnervielfalt, die die Produktion von gesunden und produktiven Hühnern erst möglich macht, liegt in den Händen von nur wenigen. Man streitet sich: von nur 4 oder 10 Großkonzernen. Eigentlich müsste man alle, die ihre eigenen Hühner mit dem eigenen Hahn noch haben, fördern, selbst wenn der Hahn morgens zu früh kräht.

Haferflocken, Weizenbrot, Roggenbrot: Für die Erhaltung der alten Landrassen der Getreide, gibt es nicht immer eine Erlaubnis und selten eine Förderung.

 

Butter, Schinken: Auf Tiergesundheit und Fruchtbarkeit wurde in der Züchtung lange nicht sorgfältig geachtet. Leistung, Produktivität, Effizienz war alles. Jetzt versucht Monsanto ein Patent auf ein Gesundheitsgen bei Schweinen zu bekommen und für alle Schweine, bei denen dieses Gen zur Züchtung eingesetzt wird, Lizenzgebühren einzuheben. Schweine und deren Nachkommen.

Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren und Nüsse ins Müsli, alles Biodiversität. Genau genommen sind alle Nahrungsmittel Biodiversität, den ganzen Tag lang.

 

Wir kleiden uns in Biodiversität, wir heizen mit Biodiversität, wir haben Möbel aus Biodiversität, und wenn wir Abends ein Gläschen Wein trinken, schmecken wir, dass es auf Rebsorten und geologischen Untergrund, Bodenqualität, das heißt auch Bodenleben, und das Mikroklima ankommt, wie bei jedem anderen Ökosystem.

Sie mögen aufseufzen wegen soviel Biodiversität, doch beim Seufzen stoßen Sie Kohlendioxid aus, das von Pflanzen bei Licht in der Photosynthese beim Aufbau genutzt wird, dabei wird Sauerstoff frei, den wir wieder einatmen.

 

Wir sind unausweichlich eingebunden in diese dünne Schicht Leben rund um diesen Erdball. Wir brauchen Nahrung, Kleidung, Heizung und sie sind da. Und nun gibt es aber den dramatischen Verlust an Biodiversität und der kommt genau zum blödesten Zeitpunkt. Diversität, Vielfalt heißt Antwortfähigkeit auf Wandel, und wir haben einen dramatischen Wandel vor uns: Klimawandel, aber auch Nutzungswandel. Wenn wir da die Antwortfähigkeit verlieren, landen wir in der Sackgasse, die tödlich ist, und als Spezies, die hoch oben in der Nahrungskette angesiedelt ist, sind wir da besonders anfällig bei Verwerfung. Schon höhere Tiere und Pflanzen, die unsere normalen Nahrungsmittel sind, sind anfälliger als andere und wir erst recht.

 

Es gibt einen dramatischen Verlust an biologischer Vielfalt. Ökosysteme werden geschwächt oder verschwinden ganz. Einzelne Arten kommen auf die Rote Liste, immer mehr. Die genetische Vielfalt innerhalb der Art geht verloren und damit die Quelle ihrer Anpassungsfähigkeit. Und was ist dann noch mit ihren Böden und komplexen Beziehungen und ihren vielfältigen Bewohnern? Darüber kann man nur erschreckende Abschätzungen machen. All unsere Böden sind nicht nur ein Trägersystem für Chemikalien, sondern sind selbst Ökosysteme.

 

Die Meere, Flüsse und Seen, die einen Gutteil der Eiweißversorgung der Menschheit sicherstellten, sind so überfischt, dass es die üblichen Fischarten im Jahre 2020, 2050 wahrscheinlich gar nicht mehr geben wird.

 

Der Klimawandel trifft die Ökosysteme hart, doch dann gibt es einen Verlust an Biomasse in den Ökosystemen, was wieder CO2 freisetzt und das Klimaproblem verschärft. Wenn Sie da nicht stabilisieren, dann verstärkt sich die Zerstörung. Und das heißt: Wir haben ein dickes Problem mit der Biodiversität, selbst wenn wir das Wort nur zögerlich oder nur stotternd aussprechen können. Doch wer ist für das Problem des Biodiversitätsschwunds verantwortlich? In einer Studie, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Auftrag gegeben worden ist, haben weltweit 7000 Wissenschaftler das Ausmaß des Schwundes dokumentiert und die „drivers of biodiversity lost“, das heißt die treibenden Kräfte, die diesen Schwund verursachen, untersucht.

Und man hat dann auch noch die finanziellen Verluste berechnet, die durch diesen Schwund entstehen, das heißt: Wie viel sind Ökosystemdienstleistungen eigentlich wert? Da wurde eine erste Antwort gegeben. Die Vertragsstaaten-Konferenz über biologische Vielfalt hat für die Biodiversität etwas Ähnliches jetzt noch mal in Auftrag gegeben, wie das, was der Bericht beim Klima war, und hoffentlich schlägt es ähnlich ein, so dass man zu dem Thema richtig aufwacht.

 

Welche Zerstörungstreibkräfte gibt es? Viele: die vorherrschende Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei, Verkehrspolitik, Handelspolitik, Tourismus, eben die nicht nachhaltigen Produktions- und Konsummuster. Das Problem ist, dass für Biodiversität zwar das Umweltministerium zuständig ist, das Umweltministerium aber nicht die Entscheidungen fällt, die die Treibkräfte des Biodiversitätsschwundes sind. Das wird in anderen Ministerien entschieden. Das heißt, das arme Umweltministerium, dem sagt man immer, ihr kostet, Biodiversitätserhalt kostet zu viel, weil die vorsorgenden Entscheidungen, die die Treibkräfte des Biodiversitäts­verlustes mindern würden, die können gar nicht in diesem Ministerium fallen, denn eigentlich sind das Entscheidungen anderer Ministerien.

 

1992, und das ist immerhin mehr als eine halbe Generation her, wusste man eigentlich schon von dem Biodiversitätsproblem, genauso wie vom Klimaproblem.

 

Beim Erdgipfel von Rio wurde daher die Klimarahmenkonvention verabschiedet und die Konvention über biologische Vielfalt und die Agenda 21. Die Klimarahmenkonvention hat es nach großer Verzögerung geschafft, zentrales Thema der Politik zu werden. Agenda 21 wurde von vielen Kommunen, lokalen Gemeinschaften genutzt, um an ihrem Lebensstil zu arbeiten.

Jetzt muss ich Ihnen noch ein bisschen über solche Konventionen erzählen, und da die Konvention über biologische Vielfalt unbekannt ist, mach’ ich das anhand der Klimarahmenkonvention.

Wenn so eine Konvention verabschiedet ist, dann geht es erst darum, dass sie von einer Mindestzahl von Staaten ratifiziert werden muss. Das heißt, sie müssen dem beitreten, damit sie überhaupt in Kraft tritt. Und dann kommen noch andere dazu. Und diese Staaten, die sich dieser Konvention verpflichtet haben, die treffen sich spätestens alle 2 Jahre zu einer Vertragsstaatenkonferenz und arbeiten daran, ja, Sie müssen wissen, solche Umweltkonventionen - im Gegensatz zu Handelsabkommen - sind soft law, also weiche Gesetzgebung. Da steht, „Staaten sollten den Umständen entsprechend Folgendes anstreben oder tun“. Dieses weiche Gesetz wird dann, wenn man Glück hat, in den Vertragsstaaten zu bindenden Verpflichtungen gemacht. Solche bindenden Verpflichtungen nennt man Protokoll, und die heißen dann jeweils nach dem Ort, an dem sie unterschrieben wurden. So kennen Sie das Kyoto-Protokoll beim Klima. Sie wissen, dass die Vertragsstaatenkonferenz in Bali war und Sie wissen, dass jetzt im Spätherbst die große Konferenz in Kopenhagen mit neuen Aufgaben ist. Ähnlich geht es bei der Konvention über biologische Vielfalt.

Die letzte Vertragsstaatenkonferenz war in Bonn, und diese Konvention hat auch ein Protokoll und will zwei neue. Das eine Protokoll ist das Cartagena-Protokoll über biologische Sicherheit, das die internationalen Gefährdungsfragen für Biodiversität und menschliche Gesundheit im Zusammenhang mit Gentechnikfreisetzung zum Thema hat, um insbesondere den Staaten überhaupt zu ermöglichen, zu erfahren, was auf ihr Territorium kommt, und damit sie die Fähigkeit haben, das Risiko abzuschätzen und daher eine Entscheidung zu fällen.

Natürlich gibt es beim Klima Probleme, bei der Interpretation dieser weichen Artikel. Bei der Konvention über biologische Vielfalt gibt es das auch.

 

Jetzt mach’ ich einen kurzen Ausflug auf die Zeit vor 1992. Da gab es den großen Papst der Biodiversität, O. E. Wilson, der sehr ein Frühwarner war und sich damit große Verdienste erworben hat. Er sprach von einem Auschwitz der Biodiversität oder davon, dass der Louvre der Biodiversität brennt. Starke Worte. Er hat aber auch, als eine Person, die im angelsächsischen Kulturkreis, wo man Hobbes und Lock und Adam Smith sehr viel näher am Herzen hat, als das am europäischen Kontinent der Fall ist, sehr kluge Beschreibungen der politischen und ökonomischen Zukunft gemacht. Er nannte das bioeconomy. Er beschrieb, dass, wenn eine Ressource knapp wird, der Preis hoch geht. Er beschreibt auch, dass, wenn die Nachfrage steigt, der Preis auch hoch geht. Bei der Biodiversität verliert man die Ressource und die Nachfrage als Antwort auf den vielen Wandel auf der Welt wird extrem steigen. Der Rat ist, jetzt kaufen, jetzt aneignen, später verkaufen, später nutzen.

Das einzige Land, das in diesem Sinne gut vorbereitet in die Verhandlung ging, waren die USA. Die wussten mehr über die tatsächliche Gefährdung der Biodiversität Bescheid sowie auch über die machtpolitischen Implikationen. Und ich meine, das wussten schon die alten Ägypter. Es braucht nicht nur das stärkere Militär, um hegemoniale Macht zu haben. Es braucht auch die Kornkammern. Und so wurde systematisch gesammelt, und wir können nur froh sein, dass es Plätze wie das Naturhistorische Museum gibt, auch außerhalb des Territoriums der USA, die brutale Patentierungsgesetzgebung für biologische Ressourcen hat. Das heißt, was dort ist, kann jederzeit patentiert werden, und ich hab mir das von Spezialisten beim europäischen Patentamt in der Forschungs­abteilung bestätigen lassen Die Politik ist sozusagen: Zu prüfen, ob es vorheriges Wissen gibt, zu prüfen, ob die Erfindungsstufe hoch genug ist, das würde viel zu viel Steuerzahlergeld verbrauchen. Wir erteilen das Patent mal, und wenn es den Leuten nicht passt, dann sollen sie es anfechten. Ich kann Ihnen sagen, ich war an der Anfechtung von Patenten in den USA beteiligt. Selbst wenn die Anwälte, und sie brauchen US-Patentanwälte, nur ihre Bürokosten ansetzen, kostet das mindestens eine halbe Million Dollar. Also Sie sehen, da ist auch sehr viel Machtpolitik dabei, und bevor wir noch wissen, wie wichtig die Biodiversität ist, ist sie machtpolitisch schon verteilt. Und es gibt naive Biologen, die naiv sammeln, die naiv beschreiben. Und es gibt viele Biologen, die zunehmend merken, dass sie in einem unter Umständen brutalen Machtspiel agieren.

Wenn etwas knapp wird und wenn etwas wichtig ist, dann ist es nicht mehr ein machtfreier wissenschaftlicher Spielraum.

Die Leute, die nur erhalten und einsammeln wollen, die stören. Und das Schwierige ist, dass die Biodiversität, die indigenen Völker, die Armen alle auf die gleichen Flächen abgedrängt worden sind, nämlich in die, die landwirtschaftlich nicht so produktiv sind und nicht so viel Ertrag geben. Das heißt, Sie finden systematisch arme Leute, traditionelle Gemeinschaften und Biodiversität an den gleichen Rückzugsplätzen. Und da will man plötzlich die Biodiversität schützen und merkt, es geht eigentlich nicht, ohne dass man mit den Leuten redet und mit ihnen gemeinsam Schutzkonzepte entwirft. Dieses ist auch ein Problem, das vielen europäischen und amerikanischen Naturschützern nicht bewusst ist, aber der Konvention Gott sei Dank bewusst war, denn die hat drei Ziele: den Schutz der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung und die Gerechtigkeit. Und im Grunde genommen ist es ein unglaublich modernes Abkommen, denn das heißt, ohne dass alle drei Ziele erreicht werden, wird kein Einzelziel erreicht werden. Ohne Gerechtigkeit werden die Entwicklungsländer kein Interesse haben, große Flächen für die Erhaltung freizustellen, ohne dass sie in irgendeiner Weise beteiligt werden an den Gewinnen, die daraus entstehen. Das Gegenmodell ist das große einsame Patentieren, wie ich es Ihnen schon gesagt habe.

Jetzt haben wir beim Einsammeln noch ein zusätzliches Problem, die Leute in den Naturhistorischen Museen, Botanischen Gärten, Zoologischen Gärten, in den Genbanken - die guten Wissenschaftler wissen sehr wohl, dass sie mit den Ursprungsgebieten, wo ihre Art noch in situ, vor Ort, im Ökosystem vorkommt, eng zusammenarbeiten müssen, um diese Art wirklich gut zu verstehen. Die ex situ-Erhaltung ist eine Notmaßnahme, so wie auch ein Flüchtlingslager eine Notmaßnahme ist, aber es ist nicht die Lösung. Die Lösung ist die Kombination von ex situ- und in situ-Erhaltung.

 

Welche Entscheidungen stehen nun an in diesen Konventionen? Es geht um marine Schutzgebiete, ein heißes Thema, wo es wieder darum geht, ob die nötigen 30 bis 50% der Meeresküsten, die man eigentlich ja als Laichplätze braucht, Schutz pur werden oder in Kooperation mit den Fischergemeinschaften geschützt werden. Ob es überhaupt durchsetzbar ist und wie die Zusammenarbeit mit den internationalen Meeres­abkommen wirklich klappen wird. Denn sehr viele dieser Gebiete sind dann die Hohe See und da ist die Konvention gar nicht ausschließlich zuständig.

Die Wälder - ein enges Ping-Pong-Spiel mit den Klimaverhandlungen, wo die Frage ist, ob man das Aufforsten mit Eukalyptusmonokulturen, vielleicht mit ein paar Orchideen drangehängt, anstreben wird und dafür Klimaschonungszertifikate bekommt. Oder ob es um wirklich biodiversen Wald gehen wird, und da ist das Beste die Erhaltung alter Wälder - und nicht erst abholzen, verkaufen und dann neu aufforsten und doppelt kassieren. Da wird in Kopenhagen zur Diskussion stehen, etwas, was REDD heißt, reduced emissions by deforestation and forestic rotation, wo die Entwicklungsländer Geld dafür bekommen, dass sie Wälder erhalten und nicht abholzen und dann wieder aufforsten.

 

Ein Dauerthema ist die landwirtschaftliche Biodiversität. Landwirtschaft findet nicht irgendwo statt, sondern in landwirtschaftlich geprägten Ökosystemen, faktisch in unseren ganzen Ökosystemen. Europa ist landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich geprägt. Aber ohne Erhaltung der Ökosystemfunktionen, z. B. Wasserrückhaltung, z. B. Boden­fruchtbarkeit, können die Dienstleistungen für die Ökosysteme nicht erbracht werden.

Dann haben Sie weltweit ein sehr heißes Thema, nämlich die Frage von Agrartreibstoffen, liquid biofuels, wo man denkt, naja, es ist wunderbar, wenn man Biodiesel fahren kann oder der Gouverneur von Kalifornien, Schwarzenegger, sagt, je mehr Kilometer er mit seinem Hummer fährt, mit viel Bioalkoholbeimischung, desto ökologischer ist die ganze Sache. Also, Sie sehen, da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Das eigentliche Problem ist, dass es sich hier um Flächennutzungskonkurrenz national und international handelt und wir eigentlich Biodiversität und Flächennutzungspolitik zusammenbringen müssen, quer über alle Ministerien. Und es gibt Studien, die klar sagen: Wenn in Kalifornien der Mais mehr zu Bioalkohol verbraten wird, damit man A unabhängig von den Öl exportierenden Ländern wird und B ein ökologisch gutes Gewissen haben kann als Zusatzluxus, dann heißt es, dass die Maispreise hoch gehen. Dann heißt es, dass in Brasilien die Flächen, die bisher für was anderes genutzt wurden, für den Maisanbau benutzt werden. Es gab z. B. eine Preisexplosion für Tortillias in Mexiko, nachdem große Flächen in Kalifornien für Bioethanol genutzt wurden. Dann werden z. B. Flächen, die für das Grasen von Tieren genutzt wurden, umgepflügt und für Maisanbau genutzt, oder Flächen, die bisher von Kleinbauern genutzt wurden, brutal umgeeignet und dann gehen die Armen in den Regenwald. Und dann sagt man, das eigentliche ökologische Problem ist die Überbevölkerung der vielen überflüssigen Leute in der Dritten Welt.

Man könnte auch mal daran denken, mal über die Überbevölkerung der spritfressenden Autos nachzudenken.

 

Dann haben wir, ich sagte Ihnen schon, zwei weitere Protokolle, also bindende Abkommen. Das eine würde ich in einem Kürzel das Antipiraterieabkommen nennen, das nennt sich access and benefit sharing. Das heißt, das Abkommen über Zugang zu den genetischen Ressourcen und gerechte Verteilung der Vorteile, die aus diesen Ressourcen entstehen. Und das wäre z. B. relevant, wenn das durchkommt: dass man bei jeder Patentanmeldung, die biologische, genetische Ressourcen nutzt, das Herkunftszertifikat vorlegen müsste; wo drin steht, der Zugang war legal, und man hat Vertragsbedingungen, denen beide Partner zugestimmt haben. Auch das ist ziemlich sperrig, weil dieses Politikfeld zu machen auf nationaler Ebene für die Bürger wird noch mal eine weitere Übersetzungsarbeit sein.

Wenn Sie Medikamente kaufen, wenn Sie Nahrungsmittel kaufen, wenn Sie Kosmetika kaufen, eigentlich hätten die europäischen Bürger ein Interesse daran, nicht Hehler von Biopiraterie zu sein.

 

Das zweite Abkommen ist sehr wichtig und wäre ein Pionierabkommen im Bereich Umwelthaftung. Bisher hatten Sie den Fall, dass es Haftungsabkommen gab für bestimmte Chemikalien und anderes, die aber nie genügend ratifiziert wurden. Man kam nie an diese Grenze von 50 Vertragsstaaten und daher liegen die in der Schublade.

Jetzt gibt es diese weltweite Haftungsdiskussion, und ich bitte Sie wahrzunehmen, dass die Konvention über biologische Vielfalt, so wenig sie der Öffentlichkeit bekannt ist, das am meisten gezeichnete Abkommen der Welt mit 190 Vertragsstaaten ist. Selbst dieses Zusatzprotokoll über biologische Sicherheit hat 150 Vertragsstaaten, und bei diesem Zusatzprotokoll wird jetzt ein Unterprotokoll des Protokolls diskutiert. Aber das sind technische Fragen. Die politische Frage ist, ob man aus den Technologie-Katastrophen und Entwicklungsfehlern der Vergangenheit lernt. Sie wissen alle, wenn man bei der Atomenergie rechtzeitig die Haftungsfragen, die Entsorgungsfragen, den vollen Preis draufgeschlagen hätte, dann wären in den meisten Ländern die meisten Entscheidungen völlig anders gefallen, außer bei den Atommächten, die quasi die Zivilnutzung unter dem Dach der Militärnutzung finanzieren. Österreich hatte Gott sei Dank eine Volksabstimmung und in Zwentendorf haben Sie eine große Heldentat vollbracht.

Jetzt geht es darum, ob bei der neuen Technologie aus den alten Fehlern gelernt wird und ob man die Haftung von Verursachern von gentechnischen Schäden wirklich durchsetzen kann, so dass kein Opfer ohne Entschädigung bleibt. Vielleicht ist fast der wichtigere Teil, dass die Hersteller und Vermarkter von vornherein wissen, was die Kosten sein werden, dass, wenn Länder einen Versicherungsschutz verlangen, die großen Rückversicherer ausrechnen, dass es ziemlich teuer ist, ein Risiko unbekannter Häufigkeit und ziemlich großen Ausmaßes zu versichern. Das heißt, die ökologischen und menschlichen Kosten werden sehr früh auf den Preis aufgeschlagen und dann wird es uninteressant, auch noch in den Seychellen freizusetzen.

Wenn dieses Abkommen glückt, wird es bald von den afrikanischen Staaten und Inselstaaten unterzeichnet, und das sind sehr viele. Das heißt, wenn es glückt, den Text zu bekommen, haben wir bei den Haftungsprotokollen kein Problem, die 50 Vertragsstaaten zu bekommen und es wird in Kraft treten. Und die Entwicklungsländer, bei der Teilnahme an der Diskussion, werden natürlich auch die anderen Haftungsabkommen mit ganz anderen Augen und viel informierter anschauen; also, das ist eine wichtige Baustelle, die dann im nächsten Jahr in Nagoya im Oktober vermutlich entschieden wird.

 

Jetzt komm’ ich noch kurz zur Welternährung. Eigentlich ist lange Zeit, Jahrzehnte genug für alle da gewesen. Der Human Development Report der UN-Entwicklungsorganisation sagte, dass mit dem Vermögen der sieben reichsten Männer auf der Welt die Welternährung sichergestellt werden könnte. Er sagt auch, dass die Hungernden de facto nicht vom amerikanischen Westen, nicht von Monsanto ernährt werden, sondern durch die Arbeit der armen Kleinbäuerinnen, hauptsächlich der Frauen, die in fast gartenkleinen landwirtschaftlichen Flächen die Hungernden ernähren.  Das heißt, alles, was das Schicksal derer schwerer macht, ist eine Ohrfeige für die Sicherung der Welternährung. Diese findet in Ökosystemen statt, sie findet in Kulturen statt vor Ort, und das kann man aus der Konvention der biologischen Vielfalt lernen. Da passt vor Ort die Grundlage der Welternährung. Und all diejenigen, die das Problem Jahrzehnte lang nicht angegangen sind, spielen sich jetzt als die großen Experten und Retter auf. Das heißt, weiter so mit der gleichen Philosophie, mit der gleichen Ideologie, nur schneller, größer und mit noch gewaltigerem Durchpfiff.

 

Ich hatte gesagt, wir brauchen eine Flächennutzungspolitik, national und international. Wir brauchen auch noch z. B. eine biodiversity of seperateness. Es gibt viele Ecken, viele Arbeitsplätze, kleine. Keiner kennt alle biodiversity offset programs. Das heißt, wenn ein Großunternehmen große Flächen z. B. für Bergbau, die bisher Biodiversität und Leute getragen haben, für Bergbau zerstören will, dann bietet man ihm an, woanders Naturschutzgebiete zu kaufen. Das Fatale ist nur: Auf beiden Flächen sitzen arme Leute. Auf beiden Flächen wird man die armen Leute vertreiben und in die Slums der mittleren und großen Städte treiben. So geht es nicht und so sind die drei Ziele, die den Menschen als Teil des Ganzen sehen, Erhaltung, nachhaltige Nutzung, Gerechtigkeit nicht zu erfüllen.

Nun die Frage: Was können Sie tun? Mein Rat ist immer, fangen Sie mit dem Einfachen und Naheliegenden an. Und gleich das, was Ihnen leicht fällt. Pflegen Sie alte Blumensorten, Gewürzsorten, Obst- und Gemüsesorten in Ihren Gärten. Biodiversität ist oft, wenn es glückt, dass das Angenehme mit dem Nützlichen verknüpft ist. Trinken Sie Apfelsaft von Streuobstwiesen, Streuobstwiesen sind wichtige Ökosysteme. Fragen Sie Ihre Politiker nach ihren Positionen zur Biopolitik. Und bringen Sie Ihren Kindern, Enkeln, Schülern die Liebe zur Natur bei. Nur was man liebt, wird man auch erfolgreich schützen. 

 

Biodiversität und Welternährung – ein Widerspruch?

Schöpfungstag 2009   <//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font><//font>

Beitrag von:

Doz. Dr. Peter Weish

Bereits Jäger und Sammler, die nur einen geringen Anteil der natürlich vorhandenen Biomasse nutzten, leisteten Beiträge zum Artensterben. Mit der Entwicklung der Landwirtschaft seit rund 10.000 Jahren entstand mit der Umwandlung von Wald in Acker- und Weideland eine neue Dynamik der Naturverdrängung. Die Bevölkerungszunahme sowie die Industrialisierung der Landwirtschaft sind inzwischen zu einem Hauptfaktor des Artensterbens geworden. Ein Vergleich der Biomassen verdeutlicht die prekäre Situation: Die Biomasse der Menschen und ihrer Haus- und Nutztiere machen rund 96% der Biomasse aller Landwirbeltiere aus. Lebensraum und Lebensbedingungen wildlebender Arten nehmen dramatisch ab.

Aber auch die genetische Vielfalt unserer Nutzpflanzen und Nutztiere schwindet auf erschreckende Weise. Diese „genetische Erosion“ wird durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und in jüngerer Zeit vor allem durch die so genannte Grüne Gentechnik beschleunigt. Diese Entwicklung ist insofern besorgniserregend, als mit der Erschöpfung und Verteuerung des Erdöls (Stichwort „Peak Oil“) in absehbarer Zeit die energieintensive industrielle Landwirtschaft in die Krise geraten wird.

Um eine zukunftssichere Lebensmittelversorgung der Menschheit sicherstellen zu können, ist eine „agrarische Wende“ notwendig. Eine Abkehr von riesigen Monokulturen mit ihrer Abhängigkeit von Erdöl, synthetischem Dünger und Pestiziden und energieintensiver Ferntransporten – hin zu lokal angepassten Agrarsystemen mit einer Vielfalt von Pflanzensorten und Nutztieren. Eine reiche Vielfalt kleinräumiger Produktionssysteme der Aqua- und Permakultur, der Land- und vor allem Gartenwirtschaft ermöglicht eine nachhaltige, hohe Flächenproduktivität. Die „ökologische“ Ausrichtung dieser Formen der Nahrungsproduktion beruht auf der Einsicht, dass der Mensch auf Dauer nicht erfolgreich gegen die Natur arbeiten kann, sondern nur mit und im Einklang mit ihr.

Eine zukunftsfähige Entwicklung erfordert eine Umkehr der zerstörerischen Trends, wie z.B.:

Von der Entwaldung zur Wiederbewaldung. In vielen Gegenden der Welt wird diese Entwicklung bereits modellhaft eingeleitet. Ein ehrgeiziges globales Projekt der Wiederbewaldung (wohlgemerkt: nicht Aufforstung!), wie wir es fordern, weist eine Vielzahl positiver Nebenwirkungen auf:

Lokale Bevölkerungen, die eine Restaurierung von Wäldern betreiben, beziehen daraus ein Einkommen, das ihnen ein Leben ohne bittere Armut ermöglicht und sie nicht zur Abwanderung zwingt. Der Wasserhaushalt und damit die Trinkwasserversorgung werden verbessert. Das Artensterben wird eingebremst. Der nachwachsende Wald bindet riesige Mengen an CO2 und wirkt damit einem Klimawandel entgegen. Die Wiederbewaldung wirkt auf zweierlei Weise friedenssichernd: Erstens wird Konfliktpotential reduziert und zweitens das militärische Potential verringert, denn die Mittel für die Wiederbewaldung stammen idealerweise aus einer Umlenkung von Militärausgaben.

Eine ökologische Wende in der Lebensmittelproduktion erlaubt nicht nur eine Vielfalt lokaler Kulturformen und Ernährungsautonomie sondern auch eine neue Harmonie zwischen Natur und Kultur.

Download der Beiträge:

Christine v. Weizsäcker

Doz. Dr. Peter Weish

 

 


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