ARGE Schöpfungsverantwortung

Interview mit Marijke van Duin

Kirche, Umwelt und Scarlatti

Im Vorfeld zur Gründung des EUROPEAN CHRISTIAN ENVIRONMENTAL NETWORKS ( ECEN)  fanden auf Intervention von Lukas Vischer Konferenzen, u. a. auch in Wien, statt. Hier begegneten wir Marijke van Duin das erste Mal – eine jahrelange Zusammenarbeit im ECEN folgte.

Wie war damals die allgemeine Stimmung in den europäischen Kirchen?

Soweit ich weiß, schenkten die Kirchen damals den Umweltthemen und dem Klimawandel nicht viel Aufmerksamkeit. Das musste erst aufgebaut werden. Es gab aber einen fruchtbaren Boden dafür in den Kirchen dank des Konziliaren Prozesses, in dem „Bewahrung der Schöpfung“ ein Punkt war. Die anderen Punkte waren Friede und Gerechtigkeit. Auf diesem 10-jährigen Konziliaren Prozess, der mit der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel 1989 in Verbindung stand, aufbauend, wurden einige kleinere ökumenische Konferenzen zu den Themen Umwelt, Klimawandel und Nachhaltige Entwicklung organisiert. Eine dieser ersten Konferenzen war eine viertägige Konferenz in Mühlheim in Deutschland, die von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) im April 1995 organisiert wurde. Das war meine erste ökumenische Konferenz zu Umwelt/Klimawandel und seitdem arbeite ich in diesem Bereich mit.


Mit welchen Erwartungen sind Sie in diese Konferenzen gegangen?

Nun, genau genommen, ohne Erwartungen. Ich wurde vom Kuratorium meiner Kirche (die Mennonitische Kirche in den Niederlanden), für die ich wöchentlich einige Stunden als Assistentin der Geschäftsführerin arbeitete, gebeten, meine Kirche bei diesem Treffen zu repräsentieren. Offensichtlich erkannte diese Geschäftsführerin, eine ältere Dame, mein Potential. Bis heute bin ich ihr für diese Chance, die sie mir damit gab, dankbar.


Was waren die vorrangigen Schritte zur Gründung des ECEN?

Auf die Mühlheim-Konferenz folgten noch etliche dieser „Gründungs“-Konferenzen. Sie mündeten in die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung in Graz 1997. Nach der Mühlheim-Konferenz wurde ich Mitglied des Umwelt-Arbeitskreises des Niederländischen Ökumenischen Rates der Kirchen und in dieser Rolle nahm ich an der Versammlung in Graz teil. Da fand sich eine kleine Gruppe von Leuten aus verschiedenen europäischen Ländern und Kirchen zusammen, um die Möglichkeit zu diskutieren, ein europäisches Kirchennetzwerk für Umweltthemen aufzubauen. Da waren vorwiegend jüngere Leute, unter 40, und ich war eine von ihnen. Netzwerken als Arbeits- und Organisationsmodell war damals sehr modern und man vermied damit jegliche kirchliche Bürokratie.


Zur Einrichtung von Coalitions?

Das ECEN wurde formell bei der ersten Versammlung in der Orthodoxen Akademie in Vilemov in Tschechien 1998 gegründet. Diese  erste Versammlung war wirklich ein „Arbeitstreffen“, auf dem verschiedene Arbeitsweisen diskutiert wurden. Schließlich einigte man sich darauf (wenn ich mich richtig erinnere), dass Coalitions zu den verschiedenen Themen die beste Arbeitsweise wären. Bei dieser ersten Versammlung wurden einige Coalitions gegründet, die noch heute existieren, so wie Schöpfungszeit, Klimawandel und Ökomanagement. Andere, wie Theologie, Mobiliät, Naturschutz, Energie, Lebensstiländerung, kamen später dazu und einige davon lösten sich wieder auf.
Sie hatten im ECEN eine Doppelfunktion, einerseits waren Sie Mitglied des Enablingteams und darüber hinaus leiteten sie die Coalition „Climate Change“, das war eine große Aufgabe, wie haben Sie diese bewältigt?
Nun, zeitenweise war es wirklich viel Arbeit! Wahrscheinlich war es eine Kombination aus Glaube an Gott und „die gute Sache“ und gutes Zeitmanagement, die mir halfen, diese Arbeitsbelastung zu bewältigen. Als Musikerin und Musiklehrerin konnte ich mir meine Zeit (teilweise) flexibel einteilen. Die Hälfte meiner Ferien und viele Abende und Wochenenden widmete ich dem ECEN und einschlägigen ökumenischen Arbeiten. Und das mache ich auch heute noch, da ich auch Mitglied der Arbeitsgruppe Klimawandel des World Council of Churches (WCC) bin.


Was war das Ziel der Coalition?

Das Ziel der ECEN-Klima-Coalition war und ist ein zweifaches: Zunächst einmal möchte die Coalition innerhalb der (Mitglieder der) Europäischen Kirchen mehr Bewusstsein für die Probleme und Herausforderungen des Klimawandels schaffen. Zweitens spielen die Mitglieder der Coalition eine bedeutende Rolle in der Lobbyarbeit  und in Interessensgruppen im Namen dieser Kirchen. Das bedeutet z. B. die Teilnahme an Veranstaltungen zum Klimawandel, die von der Europäischen Kommission oder dem Europäischen Parlament organisiert werden. Oder ähnliche Treffen im eigenen Land. Zusätzlich half die Coalition oft, Statements der ganzen ECEN-Versammlung zu schreiben, die entweder an die Europäische Kommission oder andere politische Körperschaften oder Institutionen geschickt wurden oder an die Führer der europäischen Kirchen. Damit ergab/ergibt sich auch bei dieser Arbeit für verschiedene Interessensgruppen ein doppelter Aufgabenbereich.


Wie, auf welche Weise sind Sie aktiv geworden?

(Siehe die zweite Frage) Ich komme aus einer Familie, die an Politik und Theologie interessiert ist (mein Vater war Theologe). Sobald ich den Zusammenhang zwischen dem christlichen Glauben und der Notwendigkeit, die Wunder der Natur/Schöpfung zu bewahren, erkannt hatte, konnte ich dieser Thematik nicht mehr meinen Rücken zuwenden. Ich war immer schon eine große Naturliebhaberin und ich wanderte in Ländern wie Schweden, Norwegen, Finnland, Frankreich, Schottland, Österreich, der Schweiz seit ich ein Kind war. Darüberhinaus, seit ich verstand, dass der Klimawandel nicht nur Auswirkungen auf die Natur/Schöpfung hat, sondern auch eine große Ungerechtigkeit gegenüber den Armen bedeutet, trat der politische Aspekt dazu und mein Interesse wurde noch mehr geweckt.


Wie sollte Klimaschutz in den Kirchen Europas forciert werden?

Ich glaube nicht, dass irgendwo eine gerechte Klimapolitik erzwungen werden kann, nicht einmal in den Kirchen. Dieses Thema ist zu komplex und zu sehr mit unserer Wirtschaft und unserem täglichen Leben verquickt. Ich glaube aber, dass kontinuierliche Bewusstseinsbildung am Ende Früchte tragen wird. Wenn die Menschen einmal besser informiert sind (und hierin sehe ich eine Aufgabe für die Kirchen), werden sie bessere Entscheidungen treffen, sowohl als Konsumenten als auch als Wähler. Und einmal wird der „Kippeffekt“ – wie Al Gore es nennt – eintreten: der Moment, in dem die Mehrheit in die richtige Richtung geht (i. e. die Richtung nachhaltiger Entwicklung) und jene übertrifft, die am alten System und den alten Produkten festhalten. Aber diesen Moment, an dem dieser Effekt eintritt, zu erreichen, verlangt einen langen und schwierigen Prozess, weil die Interessen mächtiger wirtschaftlicher und politischer Gruppen und Systeme auf die Spiel stehen und diese nicht leicht ihren Status und ihre Macht abgeben werden.
(Es gab auch eine Klima-Petition, die wir mit Lukas Vischer gemeinsam in Bonn überreichten, wann war das?)
Das war während der Zeit der ECEN-Versammlung in Basel.
Ein großes Unternehmen mit viel Engagement. Es gab immer wieder ECEN-Konferenzen mit diesem Schwerpunkt  ...
1989 Vilemov (Tschechien), 1999 Loccum (Deutschland), 2001 Raubichi (Weißrussland), 2003 Volos (Griechenland), 2005 Basel (Schweiz), 2006 Flämslätt (Schweden), 2007 Sibiu (Rumänien), 2008 Mailand (Italien), 2010 Prag (Tschechien) , 2012 Elspeet (Niederlande), 2014 Balatonszárszó (Ungarn)
(Siehe dazu die ECEN-Webseite: www.ecen.org)
Wer nahm an den Konferenzen teil, welche Organisationen, Personengruppen?
Es gab immer sehr gemischte Gruppen von Leuten. Eine Gruppe waren/sind offizielle Kirchenvertreter oder kirchliche bzw. christliche Organisationen. Eine andere Gruppe setzt sich aus Leuten zusammen, die mehr persönlich engagiert sind. Und noch eine andere Gruppe besteht aus neuen Leuten, die gerade ein Umweltprojekt in ihrer Kirche oder kirchlichen Organisation gestartet haben. Diese kamen und kommen zu den ECEN-Versammlungen zwecks Hilfe und Inspiration.


Highlights?

Jede ECEN-Versammlung war ein Highlight. Die schwierigen Perioden waren immer die zwischen den Versammlungen. Aber nunmehr hat das ECEN und seine Anhängerschaft seinen Wert bewiesen. Für mich persönlich war die 9. Versammlung in den Niederlanden (2012) ein Höhepunkt, weil ich selber sehr stark in die Organisation involviert war. Es bedeutete eine gewaltige Herausforderung, diese Versammlung zu organisieren, und eine große Erleichterung und Belohnung, als sie erfolgreich verlief.

Glasdom am BIO-Feld in den Niederlanden
Glasdom am BIO-Feld in den Niederlanden

Wie arbeitet die Coalition heute?

Soweit ich weiß, noch immer auf dieselbe Weise wie damals, als ich sie unterstützte. Die Mitglieder der Coalition arbeiten entweder innerhalb ihrer eigenen Kirchen oder Organisationen (Bewusstseinsbildung, Projekte, Publikationen usw.) oder an der Spitze einer Lobby oder Interessensgruppe. Manchmal kombinieren sie beide Wirkungsbereiche. Einige sind auch Mitglieder der Arbeitsgruppe für Klimawandel des WCC (World Council of Churches). Glücklicherweise haben in den letzten zehn Jahren viele europäische Kirchen ihre eigenen Projekte und Projektgruppen zu den Bereichen Klimawandel und Nachhaltige Entwicklung aufgebaut. So wird jede ECEN-Versammlung teilweise zu einer großen Wiedervereinigung, in der die Leute ihre Erfahrungen austauschen und einander neu inspirieren.


Was sind die nächsten Ziele?

Soweit es die Coalition „Klima“ betrifft, liegt der neue Schwerpunkt auf dem kommenden UN-Klimagipfel (COP 21) im Dezember in Paris. Viele europäische Kirchen nehmen an Klimamärschen und am Klimapilgern teil, siehe dazu https://www.oikoumene.org/en/press-centre/news/pilgrims-for-climate-justice-plan-to-impact-cop-21-in-paris   und  https://cecpilgrimage.wordpress.com/  . Natürlich hilft die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus sehr, in der Öffentlichkeit Bewusstsein zu wecken und der Stimmen der Kirchen mehr Gewicht zu geben. Die Enzyklika ist sehr ökumenisch und ich bin sicher, dass sich viele Kirchen, neben der römisch katholischen selbst, dadurch ermutigt fühlen. Für die Coalition „Klima“ des ECEN ist Kontinuität wichtig. Der Klimagipfel im Dezember ist nur ein Moment, eines von vielen Treffen hintereinander. So müssen wir trotz allem Aufsehen und aller Medienberichterstattung im Auge behalten, dass dieser Prozess noch viele Jahre andauern wird. Selbst dann, wenn in Paris wirklich ein neues internationales Klimaabkommen erreicht wird.
Darüberhinaus beschäftigen wir uns hier in den Niederlanden mit dem Gerichtsverfahren, das die Klimaorganisation Urgenda gegen den Staat angestrengt hat. Die Niederlande mögen früher an der Spitze gestanden sein, was umweltfreundliche Politik betrifft, aber was Klimapolitik und nachhaltige Energien betrifft, sind wir seit ungefähr 15 Jahren hinter andere EU-Länder zurückgefallen. Tatsächlich, glaube ich, sind die Niederlande nun an vierletzter Stelle … Daher ist Urgenda, ein Zusammenschluss von NGOs, Spitzenwissenschaftern und „grüner Wirtschaft“, vor Gericht gegangen, um den Staat zu zwingen, endlich Maßnahmen zu setzen. Letzten Juni, zur Überraschung von Freund und Feind, hat das Gericht in Den Haag zugunsten von Urgenda entschieden und den holländischen Staat dazu aufgefordert, die CO2-Emissionen bis 2020 um 25 % zu reduzieren, verglichen mit 1990. Aber erst unlängst hat der Staat angekündigt, das Urteil anzufechten. Diese Anfechtung kann ungefähr drei Jahre in Anspruch nehmen, was eine Menge verschwendete Zeit, Mühe und Geld bedeutet. Natürlich ein Grund mehr für alle, die eine bessere Klimapolitik wollen, die Kirchen der Niederlande eingeschlossen, ihre Bemühungen zu verstärken. Der Gerichtsfall ist ein internationaler Präzedenzfall und wir intensiv von anderen Ländern und auch NGOs sowie dem WCC verfolgt. Siehe dazu http://www.urgenda.nl/en/ .
Einiges zu Ihrer Person: Sie sind Künstlerin (Musikerin) und in Ihrer Kirche (Mennoniten) aktiv. Mit Ihren musikalischen Beiträgen zu den ECEN-Konferenzen, zur Liturgie haben Sie einen wichtigen Beitrag geleistet.


Wie wirkten diese Funktionen zusammen?

Für mich sind meine musikalische und die ökumenische Klimaarbeit untrennbar und organisch verbunden. Denn klassische Musik berührt die Seele und bezieht sich auf existenzielle Fragen: das Wunder von Leben und Tod, grundlegende menschliche Gefühle wie Liebe, Trauer und Freude. Dieselben existenziellen Fragen sind natürlich mit dem christlichen Glauben verbunden und können auch bei einer tief gefühlten Verbindung mit der Natur ausgelöst werden. Ich habe immer regelmäßig den Rückzug in die Natur gebraucht, um mich wieder als Teil der Natur zu fühlen, näher zu Gott zu sein und meine Seele aufzutanken. Auf diese Weise inspiriert, kann ich mich auch als  Musikerin weiterentwickeln. www.marijke-van-duin.com  | www.piano-zang.nl 

Die ARGE Schöpfungsverantwortung dankt sehr herzlich für dieses Interview!