ARGE Schöpfungsverantwortung

Auszug vom Manuskript Prof. Georg Kraus, Dogmatik „Welt und Mensch“, Band 2



SCHÖPFUNG UND ÖKOLOGIE


Auszug aus „Welt u. Mensch“ Prof. Georg Kraus (Dogmatiker)

„Macht euch die Erde untertan!“ (Gen 1,28). Dieser „Schöpfungsbefehl“ bildet nach der Ansicht namhafter Kulturkritiker eine entscheidende geistige Mitursache an der ökologischen Krise. Dieser Satz habe sich im säkularisierten Technikzeitalter verselbständigt und sei als Aufforderung zur totalen Unterwerfung der Natur verstanden worden. So habe dieser Satz als religiöse Verbrämung dafür gedient, dass die Natur nur noch als Objekt der Ausbeutung betrachtet und behandelt worden sei.

Entgegen einem isolierten Gebrauch dieses Satzes wird in gegenwärtiger Theologie eine schöpfungstheologische Grundlagenbestimmung durchgeführt, die den gesamten Kontext des biblischen Schöpfungsverständnisses beachtet. Es gibt eine breite Reflexion über die Beziehung zwischen der ökologischen Situation und dem Schöpfungsauftrag. Konkret werden Leitlinien für eine genuin biblische Schöpfungsspiritualität und Schöpfungsethik entwickelt.


I. ÖKOLOGISCHE SITUATION UND SCHÖPFUNGSAUFTRAG

Zuerst soll eine Bestandsaufnahme über die ökologische Krise mit ihren Hauptphänomenen und Hauptursachen gemacht werden. Dann gilt es, den biblischen Schöpfungsauftrag in seinem richtigen Verständnis darzustellen, um eine schöpfungstheologischen Grundansatz zur Bestimmung des Verhältnisses von Mensch und Natur zu erarbeiten.


1. Die ökologische Krise


In der Ökologie geht es um das Haus (oikos) oder genauer um den Haushalt, um die Regelung des Haushalts der Natur. Formal bedeutet Ökologie die Lehre von den Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt. Inhaltlich beschäftigt sich die Ökologie mit dem System des Lebens, das durch die Vernetzung der Lebewesen untereinander und mit der Umwelt im Gleichgewicht im Werden, Bestehen und Vergehen aufrechterhält.

Seit Anfang der siebziger Jahre ist es der Allgemeinheit schockierend bewusst geworden, dass das ökologische System aufs höchste gefährdet ist. Den Anstoß für diese Erkenntnis hat ein Bericht des „Club of Rome“ gebracht, der 1972 unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“ erschienen ist. Daraufhin folgte eine Reihe aufrüttelnder Bücher mit sprechenden Titeln wie: „Schöpfung am Abgrund“ (G. Altner), „Wachstumstod“ (M. Schloemann), „Stirbt unser blauer Planet?“ (H. Haber), „Das Selbstmordprogramm“ (G.R. Taylor), „Ein Planet wird geplündert“ (H. Gruhl), „Der tödliche Fortschritt“ (e. Drewermann).


Hauptursachen der ökologischen Krise


Wo liegen die tieferen Wurzeln für das menschliche Verhalten, das den ganzen irdischen Lebensraum gefährdet? Die Ursachen finden sich in menschlichen Grundeinstellungen, die im Ansatz gut sind, die sich aber in Vereinseitigung oder Maßlosigkeit verhängnisvoll auswirken. Das sind vor allem ein einseitiges naturwissenschaftliches Denken sowie ein maßloses wirtschaftliches und ein konsumverfallenes Denken.


(1) Isoliertes naturwissenschaftlich-technisches Denken: In unserem Jahrhundert bestimmen die Naturwissenschaft und die aus ihr erwachsende Technik nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Lebens, sondern auch die Mentalität der Menschen. Das ambivalente Leitmotiv lautet: Durch Wissenschaft und Technik beherrscht der Mensch die Natur. So soll zuerst, um den Verdacht von Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit vorzubeugen, die positive Seite dieses Leitmotivs skizziert werden. Aber dann müssen in unserem Zusammenhang die vorhandenen Fehleinstellungen und ihre negativen Auswirkungen für die Ökologie beschrieben werden.


(2) Maßloses wirtschaftliches und konsumverfallenes Denken: In der gegenwärtigen Industriegesellschaft spielen die Ökonomie und der Konsum, die Wirtschaft und der Verbrauch eine beherrschende Rolle. Es besteht eine sehr starke Tendenz zur Maßlosigkeit in diesen Bereichen, was mit Ökonomismus und Konsumismus benannt werden kann. Diese Fehleinstellungen haben schlimme Auswirkungen auf die Ökologie.


Der Ökonomismus ist eine Weltanschauung, die das Ideal der Wirtschaftlichkeit zur Ideologie erhebt. In dieser Ideologie sind wirtschaftliche Rentabilität und finanzieller Profit die höchsten Werte. Unter der Perspektive der Rentabilität hat nur das einen Wert, was die Produktion vorantreibt.

 

 

Der biblische Grundansatz für den Umgang des Menschen mit der Erde

Angesichts der ökologischen Krise ist nun dem Vorwurf nachzugehen, dass der biblische Schöpfungsauftrag mit seiner Anthropozentrik mitschuldig sei am verhängnisvollen Umgang mit der Natur. Zunächst soll erarbeitet werden, was der Schöpfungsauftrag im ursprünglichen Kontext besagt und wie er im Zusammenhang mit anderen Schöpfungsaussagen gesehen werden muss. Dann ist die prinzipielle Einordnung des Menschen in die Gesamtschöpfung zu reflektieren. (Vgl. Schema 32)


Der Kulturauftrag bedeutet zunächst im anschaulichen Bild des Gartens, dass der Mensch die Erde roden und mit fruchtbaren Pflanzen bebauen soll. Allgemein ist mit Kultivieren alle schöpferische Tätigkeit des Menschen gemeint. Kultur schaffen heißt: die Erde bearbeiten und verändern, mit den Schätzen der Erde arbeiten und so Neues hervorbringen. Konkret ist der Mensch aufgerufen, mit seinen spezifischen Fähigkeiten alle Kräfte der Natur konstruktiv, aufbauend zu nutzen. Der Mensch hat auf schöpferische Weise Wege und Mittel zu finden, einerseits die bedrohenden Kräfte der Natur einzudämmen und andererseits die hilfreichen Kräfte der Natur in den eigenen Dienst zu stellen.


Ohne Zweifel liegt in der Verbindung von Kulturauftrag und Bewahrungsauftrag eine starke Spannung. Der Mensch muss im Miteinander von Kultivieren und Konservieren die Spannung zwischen Neuschaffen und Bewahren aushalten, er muss das Gleichgewicht auspendeln zwischen Verändern und Erhalten. Die Versuchung ist groß und der Mensch unterliegt ihr faktisch immer wieder, den einfacheren Weg zu gehen und nur das Neuschaffen voranzutreiben. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass in der historischen Wirkungsgeschichte der Bewahrungsauftrag zu wenig zur Geltung gekommen ist. Jedenfalls gehört der Bewahrungsauftrag unbedingt zum biblischen Schöpfungsauftrag für den Menschen. Deshalb kann der biblischen Tradition vom Grundansatz her nicht der Vorwurf gemacht werden, dass sie Schuld trägt an der neuzeitlichen Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt. Die Schuld liegt im Nichtbeachten oder Verdrängen des biblischen Bewahrungsauftrages. Zur Überwindung der ökologischen Krise können und sollen die Mitglieder der christlichen Kirchen einen entscheidenden Betrag leisten, indem sie den Bewahrungsauftrag lautstark ins Bewusstsein rufen und vor allem selbst vorbildlich praktizieren. Die öffentliche Bewusstseinsbildung geschieht zur Zeit überzeugend durch die große ökumenische Aktion für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

gleichen Seinsebene wie die übrigen Geschöpfe, weil er wie sie das Sein Gott verdankt und im Dasein von Gott abhängt. Diese seinsmäßige Geschöpflichkeit macht den Menschen zum Mitgeschöpf. Für die Beziehung zu den Mitgeschöpfen bedeutet dies: Der Mensch ist nicht das Maß für die Mitgeschöpfe, aber er ist verantwortlich für die Mitgeschöpfe.


Der Mensch ist nicht das Maß für die Mitgeschöpfe: In biblischer Sicht sind die Tiere und Pflanzen dem Menschen zwar funktional untergeordnet, aber ihr Sein stammt von Gott. So haben alle Lebewesen ein Eigensein unabhängig vom Menschen; so haben sie auch einen Eigenwert unabhängig vom Dienst für die Menschen. Sie leiten ihre Daseinsberechtigung nicht vom Menschen ab, sondern von Gott. Auch ihre Eigenfunktion in der Schöpfung haben sie unabhängig vom Menschen. Der Mensch kann sie nur zusätzlich in seinen Dienst nehmen. So gibt es biblisch keine Anthropozentrik in dem Sinn, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist. Der Mensch ist sogar in vielen Bereichen von den Mitgeschöpfen abhängig und er muss sich in seinem Verhalten vielfach an die Mitgeschöpfe anpassen.


Der Mensch ist verantwortlich für die Mitgeschöpfe: In seiner Mitgeschöpflichkeit muss der Mensch sein besonderes Geschenk einbringen, nämlich seine geistigen und schöpferischen Fähigkeiten. Das zeigt sich in der Verantwortlichkeit für die Mitgeschöpfe. Verantwortlichkeit heißt konkret, dass sich der Mensch für die Existenzerhaltung und für die gute Entfaltung der Mitgeschöpfe einsetzt. Aus der Verantwortlichkeit erwächst die Solidarität gerade mit den existenzbedrohten Arten der Lebewesen. Diese Solidarität bewegt zu gezielten Aktionen, um die gefährdeten Arten zu erhalten. Zur Verantwortlichkeit gegenüber den Mitgeschöpfen gehört auch, dass der Mensch steuernd und ausgleichend eingreift, wenn bestimmte Lebewesen wuchernd überhandnehmen und andere Arten an der Entfaltung hindern.


Der Mensch als Partner der Mitgeschöpfe: Im Wissen um die gleiche Herkunft von Gott und um die gleiche Sorge Gottes für alle Geschöpfe muss der Mensch die Mitgeschöpfe als Partner im ganzen des Lebensraumes, im ganzen des Ökosystems behandeln. Das bedeutet grundsätzlich, dass der Mensch anerkennt:; Als Mitgeschöpfe haben alle Lebewesen eine gleiche Grundwürde und ein gleiches Lebensrecht. Der Mensch muss auch anerkennen, dass er selbst für sein Leben auf die Partnerschaft seiner Mitgeschöpfe angewiesen ist.

Konkret ist diese Partnerschaft als Komplementarität, als gegenseitige Ergänzung zu sehen. Der Mensch und seine Mitgeschöpfe ergänzen sich im Gesamtablauf, in der Vielfalt und in der Schönheit des Lebens. Wenn der Mensch die Mitgeschöpfe als autonome Partner anerkennt, dann betrachtet er sie nicht nur unter dem Aspekt der Nützlichkeit. Dann freut er sich einfach am Dasein der Mitgeschöpfe: an ihrem Anderssein, an ihren Formen und Farben, an ihren Verhaltensweisen. Dann genießt er die Fülle des Lebens als ein partnerschaftliches Zusammenspiel aller Geschöpfe Gottes.

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